Lebensweise von Wespen

 

1.Jahreszyklus

 

Wespenvölker werden im Frühjahr von einer einzelnen überwinterten Königin begonnen. Das erste kleine Nest bestehend aus wenigen Brutwaben wird von der Königin selbständig aus abgeraspeltem Holz gebaut. In die Waben legt sie kurz nach deren Bau die ersten Eier. Bald schon schlüpfen die ersten Larven. Diese versorgt sie mit proteinhaltiger Nahung in Form von Beuteinsekten, während sie selber vorrangig von Nektar und Baumsäften lebt. Zur Eierstockentwicklung werden - im Gegensatz zu Arbeiterinnen und Drohnen -  von ihr aber hin und wieder auch proteinhaltige, tierische Nahrungsquellen genutzt. Nach mehr als einer Woche verpuppen sich die Larven. Insgesamt etwa 4 Wochen nach der Nestgründung schlüpfen schließlich die ersten Arbeiterinnen. Die Königin bleibt nun bald im Nest und fliegt nicht mehr aus. In den kommenden Monaten wächst das Volk nun rasch an, bis zu seinem Höhepunkt. Die Arbeiterinnen erweitern nun das Nest immer weiter, fliegen Beute ein und bringen Nektar und Baumsäfte ins Nest. Anfangs werden nur kleine Zellen gebaut, später auch große für Geschlechtstiere. Der Schlupf der Geschlechtstiere kündigt dann bereits wieder den Niedergang der Kolonie an. Einzelheiten in dieser Entwicklung sind - entsprechend der verschiedenen Gattungen - nachfolgend dargestellt. 

 

Insgesamt gibt es bei den Wespen 3 verschiedene Gattungen in Deutschland (Kuckuckswespen ausgenommen, siehe dazu Gefahren und Schutz). Die Langkopfwespen (Dolichovespula, 4 Arten), die Kurzkopfwespen (Vespula, früher Paravespula, 3 Arten) und die Feldwespen (Polistes, 4 Arten). Während nachfolgend eher auf die gattungstypischen Eigenschaften eingegangen wird und die Arten eher am Rande erwähnt werden, befindet sich eine genaue Beschreibung der einzelnen Arten unter Wespenarten.

 

Die Langkopfwespen (Dolichovespula) haben ihren Namen aufgrund eines kleinen Abstandes zwischen dem untersten Teil der Facettenaugen und den Kieferzangen, der bei den Kurzkopfwespen (Vespula bzw. Paravespula) fehlt. Der Kopf wirkt daher eher etwas oval und länglich, bei den Kurzkopfwespen eher rundlich.

 

Unterschied zwischen Lang- und Kurzkopfwespe: links: Kurzkopfwespe ohne nennenswerten Abstand zwischen Facettenaugen und Kieferzangen (A); rechts Langkopfwespe mit Abstand zwischen Kiefern und Facettenaugen (B)

 

Die Arten der Langkopfwespen (Sächsische Wespe, Waldwespe, Norwegische Wespe und Mittlere Wespe) haben dabei den kürzesten Lebenszyklus. So liegt der Entwicklungshöhepunkt bei diesen Arten bereits im Juli-August. Die Nesthülle wird bei dieser Gattung in der Regel ohne Lufttaschen erbaut und erscheint daher recht flach. Die Nester haben meist eine graue Färbung, bestehen nur aus 2 bis 6 Wabenetagen und werden oft in eher heller Umgebung frei an einem Ast, in einem Strauch oder an einer Haus- bzw. Felswand aufgehängt. Eine Ausnahme ist die Sächsische Wespe, die auch gerne an dunkleren Orten wie auf Dachböden und in Schuppen nistet. Ausnahmen gibt es auch bei der Norwegischen Wespe und der Waldwespen, deren Nester man vereinzelt auch mal in Erdhalbhöhlen oder sehr selten auch unterirdisch findet. Die erstgebaute und damit oberste Wabenetage enthält im Normalfall ausschließlich Kleinzellen für Arbeiterinnen, während alle folgenden Wabenetagen Großzellen für die Geschlechtstiere (Königinnen und Drohnen) enthalten. Der Zyklus eines Volkes endet bereits mit dem Schlupf der neuen Königinnen und Drohnen. Sobald einmal Geschlechtsiere herangezogen werden, wird keine Arbeiterinnenbrut mehr angelegt. Die Anzahl der Arbeiterinnen (insgesamt etwa 200-300 beim Höhepunkt) nimmt nun langsam an. Meist wird daher nur eine Generation an Geschlechtstieren herangezogen und die Großzellen nicht mehr als einmal belegt. Weiterhin wird mit der abnehmenden Arbeiterinnenzahl die Altkönigin wird nicht mehr versorgt und geht - auch altersbedingt - zugrunde, während die jungen Königinnen und Drohnen alle Aufmerksamkeit der Arbeiterinnen bekommen. Nach dem Abfliegen der Drohnen und Jungköniginnen (sowie der drauffolgenden Begattung) sterben die Nester durch den fehlenden Nachwuchs an Arbeiterinnen immer weiter ab. Die allerletzten Larven werden schließlich auch nicht mehr versorgt und teils aus dem Nest geworfen. Bereits im Spätsommer oder zum Herbstanfang stehen die Nester oft wieder leer. Die Jungköniginnen überwintern - wie bei allen Wespenarten - versteckt in Baumhöhlen, unter Wurzeln, unter Rinde oder auf Dachböden.

 

 

Beispiele für Langkopfwespen: links: Norwegische Wespe (Königin) bei der Nahrungsaufnahme; rechts: Königin der Sächsischen Wespe beim Nestbau

 

 

Nester einer Langkopfwespe: Verlassene Nester der Sächsischen Wespe - hier nebeneinander aus 2 Jahren. Diese Art bevorzugt dunkle wie helle Dachböden...

 

Nest einer weiteren Langkopfwespe: Hier hat die Mittleren Wespe, ein typischer Freinister, ihr Nest an der Außenseite eines Gebäudes errichtet...

 

Anders bei den Kurzkopfwespen (Deutsche Wespe, Gemeine Wespe, Rote Wespe). Während auch hier der Staat durch eine Königin im Frühjahr (April - Mai) gegründet wird, halten sich diese Völker teils bis in den Spätherbst, gelegentlich auch bis in den Winter hinein (auf Dachböden). Lediglich bei der Roten Wespe gehen die Nester schon im September zugrunde. Die Nesthülle ist bei der Deutschen und Gemeinen Wespe stark strukturiert, immer muschelartig und das Nest selbst wird meist unterirdisch oder in dunklen oberirdischen Hohlräumen angelegt (eine seltene Ausnahme diesbezüglich stellt dieses Nest dar). Die Rote Wespe baut degegen eher Nester mit einer glatteren Hülle ohne deutliche Lufttaschen, welche aber auch an dunklen Standorten, meist unterirdisch, errichtet werden. Dabei sind die Nester bei zwei Arten dieser Gattung grau gefärbt (Rote Wespe, Deutsche Wespe), bei einer Weiteren dagegen ockerfarben bis gelblich (Gemeine Wespe), ähnlich wie bei Hornissennestern. Das Nest enthält bei der Deutschen und Gemeinen Wespe oft mehrere Kleinzellenwabenetagen und weitere Großzellenetagen (insgesamt bis zu 13 Wabenstockwerke). Teils gibt es auch gemischte Etagen aus Groß- und Kleinzellen. Der Wabenaufbau bei der Roten Wespe ähnelt dagegen im Grunde wieder den Langkopfwespen, wobei es in der Regel eine Kleinzellwabenetage ganz oben gibt, auf welche nach unten hin Waben mit Großzellen angelegt werden. Während die Rote Wespe nur kleine Völker bildet, die ähnlich stark denen der Langkopfwespen sind, können die Kolonien der Deutschen Wespe und der Gemeinen Wespe sehr individuenreich werden. Durch die große Volksstärke (1000 bis 10000 Tiere) haben diese Völker einen hohen Nahrungsbedarf. Da während des Entwicklungshöhepunktes dieser Völker im Spätsommer durch die intensive Landwirtschaft nur wenige natürliche Nektar- und Kohlenhydratquellen vorhanden sind (Mahd), versuchen die Arbeiterinnen der beiden volkreichen Arten ihren Bedarf andersweilig zu decken. Dabei können diese Arten dem Menschen lästig werden und werden - als einzigste Gruppe der Familie - dann auch am Essenstisch und in Bäckereien angetroffen. Es ist die Gattung, die wohl den schlechten Ruf über alle Wespenarten gebracht hat - wobei die Tiere, wie oben angesprochen, an sich nichts dafür können. Diese Gattung ist aber auch sehr nützlich, denn die großen Völker der Deutschen und Gemeinen Wespe fangen auch Unmengen an anderen Insekten wie Fliegen, Bremsen und Mücken. Durch die vielen Arbeiterinnen eines Staates ist eine gute Versorgung der Larven, der Altkönigin sowie der Geschlechtstiere gleichzeitig möglich. Weiterhin werden zudem noch über eine vergleichsweise lange Zeit Arbeiterinnen neben den Geschlechtstieren aufgezogen, wodurch die Volkstärke nicht so schnell abnimmt wie bei den Langkopfwespen. Das Volk stirbt also nicht wie bei den Langkopfwespen nach der Aufzucht einer Geschlechtstiergeneration ab, sondern es entwickeln sich teils 2 solcher Generationen im Herbst. Bedingt durch die zunehmend kühle Witterung im Herbst schafft es dennoch oft nur eine Generation letztlich, erfolgreich abzufliegen - wenngleich Mehrfachbelegungen in den Großzellen auftreten. In unseren Breiten stirbt jedes Volk der Deutschen und Gemeinen Wespe in den Wintermonaten ab, bedingt durch den starken Frost und Nahrungsmangel. In wärmeren Ländern (bspw. Neuseeland), wo diese Wespenarten eingeschleppt wurden, kann sich deren Lebenszyklus auf 2 und mehr Jahre erweitern, wobei in solchen Nestern dann auch teils mehrere Königinnen gefunden werden, die Eier legen. Neue begattete Jungköniginnen übernehmen dabei auch die Position alter Königinnen im Nest. 

 

Einiges von dem oben Genannten zu den Kurzkopfwespen trifft allerdings nur auf die Gemeine- und Deutsche Wespe zu. Die Königin der Rote Wespe stirbt schon des Alters wegen im Herbst und weist damit keine so hohe Lebenserwartung auf wie die Königinnen der beiden anderen Arten, weshalb hier keine mehrjährigen Staaten möglich sind. Weiterhin ist diese Art selbst im Spätsommer kaum lästig, da die Völker auch - wie bereits angesprochen - viel kleiner sind und zudem oft abseits von Siedlungsräumen gegründet werden. Allgemein ähnelt deren Entwicklung eher den Langkopfwespen als den beiden anderen Kurzkopfwespen - wenngleich auch dunkle Standorte bevorzugt werden. Eine seltene Dokumentation zur Entwicklung eines Volkes der Roten Wespe über eine ganze Saison hinweg finden Sie übrigens hier (im Hummeltagebuch 2017).

 

Typisch für Kurzkopfwespen sind Erdnester - hier der Zugang zu einem Nest der Gemeinen Wespe

 

Blick auf ein Nest der Deutschen Wespe - typisch ist bei der Deutschen und Gemeinen Wespe die muschelartige Nesthülle

 

Die Nester der Deutschen und Gemeinen Wespe halten oft bis in den späten Herbst hinein durch und haben damit einen längeren Zyklus als die Langkopfwespen. Letzte Jungköniginnen und Drohnen fliegen teils noch Ende Oktober/Anfang November ab. Hier eine Jungkönigin der Deutschen Wespe auf den langsam leer werdenden Brutwaben ihres Geburtsnestes...

 

 

Die Rote Wespe ist leicht von ihren beiden Verwandten (Deutsche und Gemeine Wespe) zu unterscheiden. Sie weist in der Regel eine deutliche Rotfärbung der ersten beiden Hinterleibssegmente auf (links). Die Rote Wespe baut kleine Nester ohne auffallende muschelartige Lufttaschen (rechts), was sie erneut deutlich von ihren beiden Verwandten unterscheidet. Zudem ist hier die Saison bereits im September zu Ende...

 

Die Feldwespen leben neben den Lang- und Kurzkopfwespen eher noch primitiv. Die Völker werden durch eine Königin gegründet, zu welcher sich aber noch weitere Vollweibchen gesellen können, welche dann wiederum gemeinsam einen Staat aufbauen. Dabei gibt es unter diesen Königinnen aber eine feste Rangordnung. Das ranghöchste Weibchen legt die Eier, während sich die Unterlegenen als Arbeiterinnen betätigen. Stirbt das ranghöchste Weibchen, tritt das nächst höhere Tier an deren Stelle. Die Nester entwickeln sich vom Mai bis in den September/Oktober. Sie bestehen nur aus einer Wabe und haben keine Schutzhülle wie bei den vorher beschriebenen Gattungen. Die Volkstärke beträgt meist nur 20-30 Tiere, wobei Königin und Arbeiterinnen fast identisch groß sind (im Gegensatz zu den anderen Gattungen mit deutlichen Kastenunterschieden). Manchmal gibt es aber auch stärkere Völker mit ca. 50 Individuen. Man findet die Nester (artabhängig) an offenen Stellen frei an Pflanzenstängeln oder in geschützten Hohlräumen, wie nicht allzu dunkle Felshöhlen oder Dachböden. Im Herbst schlüpfen die Geschlechtstiere und verpaaren sich. Die Jungköniginnen finden sich manchmal in Überwinterungsgruppen zusammen. Das alte Volk stirbt im Laufe des Herbstes ab.

 

Blick auf ein Nest der Feldwespe Polistes dominulus


2.Verhalten

 

Wespen haben leider einen eher schlechten Ruf. Doch ihre Aggressivität wird im Volksglauben deutlich überschätzt. Wespen sind harmlos, solange man sie nicht drückt, festhält oder ihr Nest belästigt. Sie verteidigen sich nur bei Notwehr oder zum Schutz ihres Nestes (mit Nachkommen und Königin). Bei etwas Vorsicht kann man alle Arten auch am Nest aus nächster Nähe beobachten. Man sollte jedoch hastige Bewegungen und ein Anatmen der Tiere vermeiden. Auch starkes Parfüm ist zu vermeiden, da es Inhaltstoffe enthalten kann, welche die Tiere als Alarmpheromone nutzen. Nur 2 der genannten Arten werden dem Menschen beim Essen im Garten, auf der Terrasse oder auf dem Balkon oder in Konditoreien lästig. Dabei kann es zu gefährlichen Stichen im Mund- und Rachenraum kommen! Diese sind als Notfälle zu behandeln!

 

Bei normalen Stichen auf der Haut gilt jedoch immer: Ein Wespenstich ist zwar schmerzhaft, aber nicht giftiger als ein Bienenstich. Aufpassen müssen allerdings Allergiker, da hier das Immunsystem überreagiert und ein Stich - wie auch ein Stich einer Hummel oder Biene - lebensgefährlich werden kann. Allergien (sollten diese nicht vorher bekannt sein) äußern sich durch rasch einsetzende Herz-Kreislaufprobleme, teils Atembeschwerden oder starke Schwellungen/ Ausschlag weit außerhalb der Einstichstelle. Meist treten diese Probleme binnen weniger Minuten auf. Allergische Reaktionen treten meist beim 2. Stich einer Hummel, Wespe, Biene oder Hornisse auf, während der 1. Stich zur Sensibilisierung gegenüber einer/mehrerer Giftkomponenten führt. Kreislauf- und Atemprobleme sind stets als Notfall zu behandeln! Im Gegensatz zu Honigbienen sterben Wespen übrigens nicht nach einem Stich bei Säugetieren. Dadurch wird auch nicht - wie bei Bienen - die weiterhin giftpumpende Giftblase mit herausgerissen. Folglich ist die bei Wespen abgegebene Giftmenge sogar deutlich kleiner als bei Honigbienen.

 

3.Wissenswertes

 

Wespen sind wie Hornissen Meister der Baukunst. Als Baumaterial wird stark verwittertes (gelbe Nestfärbung) oder oberflächlich verwittertes (graue Färbung) Holz verwendet. Dieses wird zerkauft und zur Herstellung des Wespenpapiers verwendet, aus welchem das Nest aufgebaut wird. Dabei sucht jede Art das für sie charakteristische Holz, wodurch auch die jeweilige charakteristische Nestfärbungen zustande kommen. Mit den Fühlern werden die Abstände der Lufttaschen oder Hüllen genau bemessen und mit den Kauwerkzeugen (Mandibeln) wird Papierschicht für Papierschicht aufgebaut. Die Waben werden in einer unglaublichen Präzision und Genauigkeit gebaut. Um ein großes Nest bis zum Herbst aufzubauen, sind zigtausende Materialflüge notwendig.

 

 

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