Umsiedlung einer Sächsischen Wespe in Mulda am 12.06.2020

 

Die erste "größere" Umsiedlung 2020 führte uns nach Mulda in das Osterzgebirge. Dort hatte an der Türinnenseite zu einem Geräteschuppen eine Sächsische Wespe ihr Nest erreichtet.

 

12. Juni 2020: - Nestbesichtigung und Tag der Umsiedlung

 

Heute sind wir nach Mulda gefahren und haben die Umsiedlung durchgeführt. Zunächst nahmen wir das Nest in Augenschein. Ca. 15-20 Arbeiterinnen bewohnten bereits das kleine Nest, welches beim Öffnen der Tür immer bewegt wurde. Die Tiere reagierten zwar noch nicht wirklich auf das Öffnen der Tür, aber mit zunehmender Volkstärke hätte dieser Umstand durchaus problematisch werden können. Daher entschieden wir uns für eine Umsiedlung.

 

Der Neststandort an der Innenseite der Schuppentür...


Dazu wurde das Nest zunächst unter Protest der Arbeiterinnen von der Tür entfernt. Die Königin und junge Arbeiterinnen verblieben während der Umsiedlung auf den Brutwaben, da sie sich wabentreu verhielten. Das Nest selbst beinhaltete eine größere erste Waben-Etage, in deren Zellen Eier, Larven und Puppen zu finden waren, sowie eine neu begonnene zweite Etage, in der sich noch ausschließlich Eiern befanden. Das entnommene Nest wurde nun vorsichtig in einen mitgebrachten Vogelkasten mittels Heißkleber eingebaut und stabilisiert. Anschließend wurde Bienenfutterteig im Kasten platziert und der Kasten verschlossen. Die am ursprünglichen Neststandort sitzenden oder umherfliegenden Arbeiterinnen haben wir nachfolgend mit dem Käscher eingefangen und sie vorsichtig durch den Kasteneingang dem Vogelkasten bzw. Nest zugesetzt. Bald darauf waren alle Arbeiterinnen eingefangen und mit dem Nest vereint.

 

Vorsichtig wird das Nest von der Tür abgelöst...

 

Das entfernte, kleine Nest...

 

Vorsichtig wird das Nest nun in den mitgebrachten Vogelkasten eingeklebt; erkennbar ist hier schön die Wespenbrut in verschiedenen Entwicklungsstadien, hinten auf der Wabe sieht man zudem eine junge Arbeiterin und die Königin, welche sich verstecken...

 

Danach werden noch alle abgeflogenen Tiere eingefangen und mit dem Nest vereint. Anschließend können wir zusammenpacken...


Mit dem Nest sind wir anschließend zum Aussiedlungsstandort gefahren, in diesem Fall zu unserem Garten. Da die Sächsische Wespe sehr friedlich ist und nicht an Speisen geht, ist sie ein nützlicher und genügsamer Gast. Den Vogelkasten mit dem Nest brachten wir an einer geeigneten Stelle an. Nach kurzer Beruhigungszeit öffneten wir das Flugloch und die Tiere krabbelten langsam aus dem Kasten. Nach intensiven Orientierungsflügen konnte man sie anschließend mehrfach bei Anflugversuchen beobachten. Der Bienenfutterteig im Kasten wird ihnen nun helfen, sich schnell am neuen Standort einzuleben.

 

Der Kasten wird am Aussiedlungsstandort aufgehängt und nach einiger Zeit (zur Beruhigung) wird das Flugloch geöffnet... Hier sieht man zwei Arbeiterinnen kurz vor dem ersten Ausflug in die neuen Umgebung; das Weiße ist übrigens Bienenfutterteig...

 

Nach ein paar Stunden insgesamt war diese Umsiedlung abgeschlossen und nun können sich die Tiere erstmal neu eingewöhnen.

 

13. Juni 2020: - erste Nachkontrolle

 

Vorsichtig haben wir heute das Nest kontrolliert. Die hölzerne Bodenplatte des Kastens haben wir dabei gegen engmaschige Metallgaze ausgetauscht. Bei dieser Nachkontrolle zeigte sich: Die Tiere haben sich bereits gut eingewöhnt und bringen bereits viel Nahrung und Baumaterial von ihren Ausflügen mit. Am Morgen war das Nest noch recht offen und man konnte die Arbeiterinnen und die Königin auf den Waben beobachten. Bis zum Abend war dann der Großteil der bei der Umsiedlung entstandenen Öffnung in der Nesthülle bereits wieder zugebaut worden. Das warme Wetter am heutigen Tag unterstützte dabei zusätzlich die Eingewöhnung und Nestreparatur, da es viele Ausflüge erlaubte. Nun hoffen wir, dass dieses Völkchen gut durch den Sommer kommt.

 

Blick auf das Nest im Rahmen der Nachkontrolle - rege Betriebsamkeit herrscht auf den Waben...

 

Auf dem Bild ist schön die deutlich größere Königin erkennbar; bis zum Abend haben die Wespen den Großteil der bei der Umsiedlung entstandenen Öffnung wieder geschlossen...

 

15. Juni 2020: - weitere  Nachkontrolle

 

Heute haben wir nochmal nach dem Nest gesehen. Die Hülle ist mittlerweile komplett wieder repariert worden und regelmäßig kann man Arbeiterinnen im Umfeld des Nestes bei der Jagd beobachten. Bald sollte das Volk deutlich wachsen, da bei der Sächsischen Wespe bereits im Juli der Höhepunkt erreicht wird.

 

Blick auf das komplett reparierte Nest...

 

19. Juni 2020 - Feindliche Übernahme(n)

 

Nachdem sich die umgesiedelten Wespen gut eingeflogen hatten, konnten wir vor zwei Tagen drei tote Arbeiterinnen unter dem Nest beobachten. Da sonst aber alles in Ordnung schien, dachten wir uns nichts dabei. Doch gestern dann wurde klar, dass dies nur der Anfang einer Reihe von Übernahmeversuchen war. So war gestern Abend aufgeregtes Brummen am Vogelkasten zu hören. Beim Blick in den Kasten der Schreck: mehrere tote Arbeiterinnen und die tote Königin der Sächsische Wespe lagen unter dem Nest. Auf der Nesthülle krabbelte aufgeregt ein großes Weibchen der Falschen Kuckuckswespe (Dolicovespula adulterina) umher. Diese Art schmarotzt bei der Sächsischen Wespe, übernimmt junge Völker, tötet die Königin und lässt dann die eigene Brut von den Wirtsarbeiterinnen aufziehen, wobei aber nur Drohnen und neue Weibchen entstehen. Arbeiterinnen gibt es bei dieser Art nicht. Manchmal finden die Übernahmen schon eher mit dem Schlüpfen der ersten Arbeiterinnen statt (so wie in diesem Beispiel hier), aber hier hat sich ein Weibchen an ein schon etwas weiterentwickeltes Volk herangetraut und war erfolgreich. Leider kann man hier nicht so schön gegen Kuckuckswespen vorgehen wie es bei Kuckuckshummeln möglich ist. Bei Hummeln reicht oft eine Verengung des Flugloches, da die Kuckucksarten oft größer sind als die Arbeiterinnen der Wirtsarten. Bei den geschmeidigen, zierlichen Wespen ist das natürlich schwieriger.

 

Die Opfer der Kuckuckswespe(n) unter dem Wespennest - unten links die Königin/Nestgründerin...


Heute, ein Tag später, konnte ich dann sogar ein 2. Kuckucksweibchen schwer verletzt unter dem Nest finden, im Nest weiterhin das etwas größere Weibchen von gestern Abend. Also zwei Kuckuckswespen haben hier fast zeitgleich eine Nestübernahme versucht. Auch wenn es natürlich "Natur" ist, so ist es dennoch aus meiner Sicht sehr schade, dass das Volk nun einer Kuckuckswespe zum Opfer gefallen ist und es so keinen Beitrag mehr zum eigenen Arterhalt leisten kann.

 

Die zweite Kuckuckswespe, welche wir am 19. Juni schwer verletzt vorgefunden haben...

 

21. Juni 2020 - Erneuter Übernahmeversuch!

 

Es hat nun sogar einen 3. Übergriff durch ein Weibchen der Falschen Kuckuckswespe gegeben. Heute lagen unter dem Nest erneut mehrere tote Arbeiterinnen und gleich zwei tote Weibchen der Falschen Kuckuckswespe. Neben dem neuen Eindringling war das zweite Tier die zunächst erfolgreiche Okkupantin vom 19.06.2020. Beim Blick in das Nest war keine weitere Kuckuckswespe erkennbar, dafür sind viele neue Arbeiterinnen geschlüpft. Es ist denkbar, dass dieses Volk - trotz der Ausfälle an Arbeiterinnen aufgrund der Übernahmeversuche - nun stark genug ist, um sich gegen weitere Kuckuckswespen zu wehren. In diesem Fall würde das Nest nun drohnenbrütig werden, da nach dem Tod der eigentlichen Königin die Arbeiterinnen eigene unbefruchtete Eier legen, aus denen aber nur Männchen schlüpfen. Auf diese Weise könnte es aber noch einen Beitrag zum Arterhalt leisten. Aber mal abwarten, ob die Übernahmeversuche nun aufhören.

 

Links die beim letzten Übernahmeversuch umgekommenen Arbeiterinnen, rechts die beiden Kuckuckswespen, welche ebenfalls gestorben sind (die untere ist die zunächst erfolgreiche Okkupantin vom 19.06.)...

 

Blick auf das nun wohl drohnenbrütige Nest...


Es ist schon bedenklich zu sehen, wie massiv Nester der Sächsischen Wespe derzeit unter Druck durch die Falsche Kuckuckswespe gesetzt werden. Seit einigen Jahren schon ist die Falsche Kuckuckswespe hier sehr dominant und fast alle Nester der Sächsischen Wespe werden von dieser Art okkupiert. Eher selten findet sich mal ein normal entwickeltes Nest der Art, zumindest hier in der Region. In einem Jahr wie diesem, wo durch ein kaltes Frühjahr viele Nestgründungen gescheitert sind, ist folglich der Druck der Kuckuckswespe auf die verbliebenen Nester noch höher. Normalerweise schwankt die Populationsdichte zwischen Wirt und Kuckuck aber immer recht stark und nach einigen Jahren - wenn der Kuckuck kaum noch Wirtsnester findet - geht dessen Population wieder zurück und der Wirt kann sich in den Folgejahren erholen. Ähnliches kann man alle paar Jahre auch bei sozialen Hummeln und den Kuckuckshummeln beobachten.

 

23. Juni 2020 - Das Volk kommt nicht zur Ruhe - erneuter Übernahmeversuch!

 

Mittlerweile ist die 4. Kuckuckswespe in das Nest eingedrungen und erneut liegen mehr als 10 totgestochene Arbeiterinnen am Boden. Das Kuckucksweibchen selbst ist noch wohlauf und fliegt auch immer mal wieder vom Kasten ab, um kurz danach wieder zum Nest zurückzukehren. Die verbliebenen Arbeiterinnen scheinen sie mittlerweile zu akzeptieren und greifen sie nicht weiter an. Nun bleibt es abzuwarten, ob es nicht noch weitere Übernahmeversuche gibt...

 

Weitere Nachkontrollen werden bei Gelegenheit durchgeführt und Infos sowie Aufnahmen dazu hier ergänzt!

 

 

© www.insektenstaaten.de / Dr. Michel Oelschlägel         Hier: Das insektenstaaten.de-Team stellt sich vor       Hier: Kontakt, Impressum und Datenschutz

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