28.08.2018 - Hornissenumsiedlung aus einer Hausfassade in Freiberg

 

Das ausgesprochen gute Hornissenjahr 2018 führt auch weiterhin zu zahlreichen Nestmeldungen bei den Naturschutzbehörden. Neben dem Erzgebirgskreis sind dadurch auch im Raum Freiberg einige Umsiedlungen notwendig geworden. Unter anderem befand sich ein Nest in der Fassade eines Gebäudes, an welchem Baumaßnahmen durchgeführt wurden. Mit der Entdeckung des Nestes während der Bauarbeiten Ende August konnte an dieser Stelle nicht weitergebaut werden und das Bauunternehmen wandte sich an die Naturschutzbehörde Freiberg, welche den Fall an uns weitergab.


28.08.2018 - Tag der Umsiedlung


Nach einer kurzen Besichtigung des Nestes in den vorangegangenen Tagen zur Einschätzung der Lage wurde die eigentliche Umsiedlung am 28.08. durchgeführt. Bei der vorherigen Besichtigung wurde bereits festgestellt, dass das Nest zugänglich war und sich direkt unter der Abdeckfolie zwischen Mauerwerk und den Dachbalken befand. Zunächst wurden wieder alle Hornissen mittels unseres umgebauten Staubsaugers abgesaugt, was einige Zeit dauerte. Gerade die letzten Nachzügler waren schwer zu erwischen und teilweise kam auch der Kescher mit zum Einsatz.

 

In der oberen linken Ecke der Fassade unterhalb vom Dach befindet sich das Hornissennest...

 

Zunächst werden die Hornissen mittels des umgebauten Staubsaugers abgefangen...

 

Meine Wenigkeit bei der Arbeit...

 

Später löst mich Dagmar ab...


Anschließend wurde die Folie mit einem Messer geöffnet und das Nest wurde immer besser sichtbar. Es waren aber nur 3 Wabenetagen erkennbar, welche zunächst recht unbelebt wirkten. Vorsichtig schnitten wir das Nest von seiner Unterlage und man konnte nun den Wabenbau langsam aus dem Hohlraum zwischen den zwei Balken herausziehen. Das Nest war - bedingt durch den vorhandenen Hohlraum - in beeindruckender Weise in die Länge gebaut worden. Gerade die 2. Etage war mehr als 40 cm lang. Während die erste kleinere und auch der vordere Teil der 2. Etage aus Kleinzellen für Arbeiterinnen bestand, waren an die 2. Etage nach hinten hin zahlreiche Großzellen für Geschlechtstiere angebaut. Unterhalb dieses hinteren Wabenbereiches befanden sich auch weitere kleinere Wabenteller (bildeten 3. Etage) mit weiteren Großzellen. Die zwei größten Wabenteller der 3. Etage befanden sich aber direkt vorne am Nest unterhalb der Abdeckfolie und bestanden ebenfalls aus Kleinzellen für Arbeiterinnen.  Auffallend war aber, dass es nicht viele verdeckelte Zellen (= Puppen) von Geschlechtstieren gab und viele Zellen auch leer standen. Kokons von neuen Arbeiterinnen waren so gut wie nicht mehr vorhanden, wobei dies zu dieser Jahrenszeit nicht so ungewöhnlich ist. Als Ursache für die vergleichsweise wenigen Kokons von Geschlechtstieren sind mehrere Gründe denkbar: einerseits kann es eine Folge der starken Wärmebelastung in der sehr warmen und trockenen Saison 2018 (gerade in der Stadt) sein, andererseits sind auch Probleme mit konkurrierenden Völkern hier denkbar. Letztlich kann es auch einfach an einer geringeren oder aber einer im Laufe der Zeit zurückgegangenen Legeleistung der Königin liegen oder aber eine Mischung all dieser Möglichkeiten sein. Dennoch wird das Volk noch einiges an Geschlechtstieren (geschätzt etwa >60) im September/Oktober hervorbringen. Die Koloniegröße haben wir übrigens zum Zeitpunkt der Umsiedlung auf etwa 150 Arbeiterinnen geschätzt (man bedenke, dass derzeit der Entwicklungshöhepunkt ist), was eher einem kleineren Volk entspricht und gut zur Größe des gefundenen Wabenbaus passt.     

 

Das Nest befindet sich direkt unter der Abdeckfolie zwischen zwei Holzbalken...

 

Vorsichtig wird der Wabenbau aus dem Hohlraum herausgelöst - dabei wird ein sehr langgebautes Nest sichtbar...

 

Hier ist die ungewöhnlich lange 2. Wabenetage besonders gut zu erkennen...


Mit dem Herausziehen der Waben kamen nochmal einige Arbeiterinnen zum Vorschein, welche ebenfalls wieder eingefangen wurden. Auch erste Drohnen, welche sich bereits im Nest befanden und nun im Hohlraum umherkrabbelten, wurden behutsam eingefangen und später wieder auf das Nest gesetzt. Auch die Königin haben wir im Wabenbau gefunden. Die Waben wurde anschließend mittels Heizkleber und Holzleisten in den Hornissenkasten eingebaut. Dabei musste die große 2. Etage halbiert werden, was aber durch mehrere unbelegte Zellen ohne Brutverluste gelang. Auch einige der kleineren Wabenteller aus der 3. Etage mussten an anderer Stelle wieder mit in den neuen Wabenaufbau eingebaut werden. Danach ging es mit Nest und Hornissen zum Aussiedlungsstandort.

 

Die Waben werden nun in den Nistkasten eingeklebt und dafür passend zugeschnitten, wodurch aus einem 3. Etagen-Nest letztlich ein 4-5-Etagen-Nest wird...

 

Das ist in dem Fall ein ziemliches "Gebastel", aber am Ende passt alles und auch die neuen Wabengassen haben ihren vorgesehenen Abstand - realisiert mit Platzhaltern...

 

So ziehen nun Nest und Hornissen zum neuen Standort um...


Der Nistkasten wurde nun an geeigneter Stelle angebracht und nochmal alles kontrolliert. Auch die Königin gab sich nochmals die Ehre. Etwas Apifonda (Bienenfutterteig) wurde noch in den Nistkasten "eingeklebt" und dann die Fangbox mit den Hornissen in den Hornissenkasten hineingestellt. Der Fangkasten wurde anschließend geöffnet und die Kastentür des Nistkastens verschlossen. Nach einiger Zeit zur Beruhigung wurden die zuvor verschlossenen Fluglöcher freigegeben und die Hornissen flogen sich intensiv in ihrer neuen Umgebung ein. Die Umsiedlung war damit erfolgreich verlaufen und die Baumaßnahmen am Objekt in Freiberg konnten weitergehen.

 

Am Aussiedlungsstandort - der neuen Heimat unserer Hornissen...

 

Beim Blick in den Kasten: Auch die Altkönigin zeigt sich nochmal auf ihren Brutwaben...

 

Letzte Kontrolle und Zugabe von etwas Bienenfutterteig - danach folgt die Familienzusammenführung...

 

Und falls sich doch mal jemand in diese ohnehin schlecht zugängliche Ecke verirrt, so weisen Warnschilder auf das Nest hin...

 

Fluglochfreigabe durch Dagmar: Nun können sich die Hornissen neu orientieren. Damit ist die Umsiedlung vorerst abgeschlossen...

 

29.08.2018 - Fangboxentnahme


Bereits am Folgetag wurde die Fangbox wieder entnommen, da sie für die nächste Umsiedlung benötigt wurde. Bei der Gelegenheit konnte man auch gleich eine kleine Nachkontrolle durchführen. Bereits bei der Ankunft am Nest war guter Flugverkehr zu beobachten - ein gutes Zeichen. Anschließend wurde die Kastentür geöffnet und der Fangkasten entnommen. Ein Teil der Hornissen flog dabei zur Verteidigung ab, wenngleich viele Tiere auch recht gelassen blieben. Nach kurzer Zeit schloss ich den Kasten wieder und fütterte noch etwas Bienenfutterteig, den die Tiere gerne annahmen. Rasch beruhigten sich nun die Hornissen und gingen wieder ihrem "Alltagsgeschäft" nach. Die Umsiedlung war nun - mit der Entnahme der Fangbox - erfolgreich abgeschlossen. Ein paar weitere Nachkontrollen werden aber zu gegebener Zeit noch folgen.

 

Geöffneter Nistkasten nach der Fangboxentnahme...

 

Das Volk hat die Umsiedlung gut überstanden und ist bereits fleißig im "neuen Revier" unterwegs...

 

Nach der Fangboxentnahme gibt es noch etwas Bienenfutterteig, der gerne angenommen wird...

 

05.09.2018 - Nachkontrolle


Heute wurde wieder nach dem umgesiedelten Hornissenvolk gesehen. Beim Öffnen des Kastens war auffällig, dass die Hornissen die Nesthülle nur um die Wabenbereiche erneuert hatten, wo sich auch noch Kokons von Geschlechtstieren befinden. Das betraf insbesondere die unterste Wabenetage und Teile der oberen Etage. Ansonsten befinden sich - bezogen auf Geschlechtstiere - derzeit vor allem Drohnen im Nest, aber auch einige Jungköniginnen werden noch folgen.

 

Blick auf das Nest im geöffneten Nistkasten - auffallend ist die Art und Weise, wie die Nesthülle hier ersetzt wurde...

 

Blick auf die unterste Etage - hier befinden sich noch viele Kokons von Geschlechtstieren, weshalb gerade hier auch die Nesthülle erneuert wurde...

 

Derzeit befinden sich vor allem neue Drohnen im Nest, aber auch Jungköniginnen werden in Kürze noch schlüpfen...

 

12.09.2018 - Weitere Nachkontrolle


Langsam wird es am Nest ruhiger, wenngleich das Volk noch gut versorgt ist. Im Nest befinden sich weiterhin Geschlechtstiere und mittlerweile auch Jungköniginnen. Einige letzte Puppen (verdeckelte Zellen) werden in den nächsten Tagen noch zum Schlupf kommen. Die Altkönigin versuchte heute mehrfach abzufliegen, aber konnte trotz schlagender Flügel nicht vom Nest abheben. Daraufhin krabbelte sie wieder in das Nest zurück. Scheinbar wird sie in Kürze das Nest verlassen. Das machen viele Altköniginnen im Laufe des Septembers, da sie nun nicht mehr ausreichend versorgt werden und altersbedingt bald sterben. Manche sterben auch noch im Nest. Damit ist die Entwicklung des Nestes bald abgeschlossen. Bis Monatsende werden aber noch die letzten Geschlechtstiere abfliegen. 

 

Blick auf das Nest - die Nesthülle wurde teilweise noch etwas erweitert, ansonsten bekommen derzeit vor allem die Geschlechtstiere die Aufmerksamkeit der Arbeiterinnen...

 

Blick auf die unterste Etage - nur noch zwei kleine Löcher erlauben den Zugang auf diese Wabenetage...

 

Auf dieser Etage befinden sich auch zahlreiche geschlüpfte Geschlechtstiere (Drohnen und Jungköniginnen), die sich hier kopfüber in den Zellen verstecken...

 

Die Altkönigin - übrigens ein Beispiel für die dunkle Farbvariante der Hornisse mit ausladender Schwarzfärbung auf dem Bruststück, welche neben der rötlicheren Variante auftritt. Beide Varianten können - wie auch im Falle dieses Volkes - innerhalb einer Kolonie vorkommen...

 

Nach der Nestkontrolle gab es noch etwas Bienenfutterteig...

 

23.10.2018 - Nest abgestorben - Bilanz


Mittlerweile ist nach einem weitgehend freundlichen Oktober auch dieses Nest natürlicherweise abgestorben. Daher habe ich heute die Wabenetagen genauer betrachtet und nach von Puppen belegten Großzellen gesucht, welche durch einen offenen Seidendeckel auffallen. Aus diesen Zellen sind sehr wahrscheinlich Geschlechtstiere hervorgegangen. Ingesamt konnte ich 77 solcher Großzellen finden. Ein paar wenige dieser Zellen könnten auch durch Arbeiterinnen geöffnet worden sein, um entsprechende Puppen aus dem Nest zu werfen. Das kommt gerade im Herbst immer mal wieder vor, wenn das Volk immer mehr abbaut und die Nahrungsversorgung einreguliert werden muss. Dennoch gehe ich von >60 Geschlechtstieren aus, die aus diesen Zellen erfolgreich hervorgegangen sind. Dazu kommen noch einige Drohnen, welche in den Kleinzellen - diese sind eigentlich für die Arbeiterinnenbrut gedacht - mit heranwachsen. Insgesamt kann man daher von über >80 Geschlechtstieren ausgehen, welche dieses Nest verlassen haben. Allerdings ist auffallend, dass bei dem Volk vergleichsweise wenig Geschlechtstierbrut angelegt worden ist, was uns bereits bei der Umsiedlung auffiel. Das Nest wies damals schon sehr viele leere Zellen auf, obwohl die Königin noch lange Zeit im Nest war (siehe spätere Einträge nach der Umsiedlung oben). Wahrscheinlich war die Königin im späteren Verlauf aber nicht mehr fit genug, um für reichlich Brut zu sorgen. Weitere Gründe sind bereits weiter oben im Rahmen der Umsiedlung diskutiert worden. Immerhin aber konnte auch das Volk seinen Beitrag zum Arterhalt leisten.

 

Blick auf das verlassene Nest...

 

Da das Nest nun abgestorben ist, endet auch die Nestdokumentation.

 

Nestdokumentation beendet...

 

 

© www.insektenstaaten.de / Dr. Michel Oelschlägel         Hier: Das insektenstaaten.de-Team stellt sich vor       Hier: Kontakt, Impressum und Datenschutz

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